Die Welt im Schleudergang

„Wann wird das alles wieder normal, so wie es früher war?“ ist eine Frage, die ich in Veränderungsprozessen häufig höre. Dazu gibt es eine kurze und unbeliebte Antwort: „So wie früher – gar nicht!“ Verzeihen Sie meine Radikalität, konstruktive Provokation ist ein wertvolles Arbeitsinstrument. Man muss die Provokation aber auch fundieren können. Sie braucht eine seriöse Grundlage, sonst kann sie keine konstruktiven Absichten verfolgen:

In den letzten 50 Jahren war das Leben in Organisationen stark geprägt von Optimierung bestehender Muster, Abläufe und Strukturen. Prozesse wurden optimiert, Geschäftsmodelle wurden optimiert, und nicht zuletzt Menschen bzw. deren Verhalten wurden optimiert. Mehr vom Gleichen, aber besser. Das war der Leitstern des Managements. Das ist es, was auf den Universitäten gelehrt, von den Aktionären erwartet und vom Management exekutiert wurde.

Diese Optimierungsära endet jetzt. Das Paradigma „gleich, nur besser“ funktioniert nicht mehr gut genug. „Ganz anders machen“ ersetzt immer mehr das „gleich, nur besser machen“. Egal wohin Sie schauen: Banken, Reisebüros, Einzelhandel, Musikindustrie,…

Die Erfolgreichen haben in den letzten fünfzehn Jahren nicht mehr optimiert, sondern ihre Geschäftsgrundlage radikal anders gestaltet. Bankgeschäfte brauchen keine Filiale mehr, Beherbergungsbetriebe und der Wohnungsmarkt spüren Druck von Privatvermietern auf Internetplattformen, der Einzelhandel versendet Pakete aus Zentrallagern und wird zum Logisiker, Musik konsumiert man unbegrenzt über eine Flatrate und nicht mehr als einzeln gekaufte CD.

Einige Branchen haben diese Disruption schon hinter sich, manche sind gerade mitten drin. Die weltweite Coronapandemie ist dabei ein Brennglas, ein heftiger Beschleuniger. Die meisten Branchen stehen wohl gerade kurz vor dieser grundlegenden vierten industriellen Revolution. Beispiel: wie undenkbar war in vielen Firmen Homeoffice und wie schnell hat sich das umsetzen lassen. Krise ist ein massiver Motor für disruptive Veränderung, ob wir wollen oder nicht.

Recht neu ist dabei, dass nicht nur manuelle Arbeit betroffen ist. Auch hoch qualifizierte Dienstleistung ist massiv betroffen. Ärzte, Juristen, Steuerberater,… werden nach wie vor gebraucht werden, aber anders. Künstliche Intelligenz wird in hohem Maß ihre täglichen Routinen übernehmen.

Das alles hat einen ganz schnell erzählten Hintergrund. Durch Globalisierung und Technologie haben zwei Faktoren erheblich zugenommen:

  • Komplexität: vielfältige Wechselwirkungen, die ein lineares Funktionieren und Verstehen unmöglich machen. Kausalitäten verschwinden, die „Wenn-Dann“-Logik kann Tatsachen nicht mehr ausreichend erklären. Durch steigende Komplexität werden Umstände immer weniger vorhersag- und planbar. Daten aus der Vergangenheit eigenen sich nicht ausreichend gut, um in die Zukunft zu schauen. Das ist eine echte Herausforderung für Entscheidungsträger, egal wo: zu Hause, in der Wirtschaft und in der Politik.
  • Dynamik: ist nicht nur Geschwindigkeit von z.B. Prozessen, Entscheidungen und Kommunikation. Dynamik bedeutet vor allem sich beschleunigende Veränderungsgeschwindigkeit. Es gibt nach Veränderungen kaum mehr Phasen der Kontinuität. Vielmehr sind Veränderungen während der Veränderung zu beobachten. Man könnte den Eindruck gewinnen: permanente Veränderungs- und manchmal auch permanente Ausnahmezustände.

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