Kausaliät oder Phänomenologie

Wir haben gelernt, in linearen Kausalitäten zu denken. Wenn…, dann…, sonst… – das ist die Logik dahinter. “Wenn Du nicht aufpasst, wird das passieren”. “Wenn Du etwas lernst, wirst Du es später leichter haben, sonst wird nichts aus Dir”. “Wenn Du Dich bei Deiner Arbeit weiterhin so verhältst, wirst Du hier keine Zukunft haben”, etc.

Allerdings leben wir in einer Welt mit unüberschaubaren Wechselwirkungen und Zusammenhängen. So muss man häufig feststellen, dass sich die Realität nicht an unsere scheinbare Logik hält. Wir empfinden das dann als Glücksfall oder als himmelschreiende Ungerechtigkeit. Dies gilt besonders für soziale Systeme. Anders ist es bei unbelebten Fachgebieten. In der konventionellen Physik, zum Beispiel im Maschinenbau kann man ohne Weiteres – muss man sogar – in Kausalitäten denken.

Linear-kausales Denken in sozialen Systemen ist ein Versuch, die undurchblickbare Komplexität zu reduzieren und dadurch verstehbar zu machen. Komplexitätsreduktion beinhaltet jedoch immer einen Fehler in den Ergebnissen, weil vorhandene Wechselwirkungen unbeachtet bleiben. Genauer müsste man sagen: weil Wechselwirkungen im Detail einfach nicht vorhersehbar sind.

Soziale Systeme, egal ob Individuen, Familien, Firmen oder ganze Gesellschaften verhalten sich tendenziell nach gelernten Mustern. Diese Muster sind in der Regel völlig unbewusst. Jedenfalls wurden diese Muster als scheinbar bestmögliches Verhalten im Laufe der Zeit unbewusst erworben und automatisiert.

Ein gutes Beispiel ist das Autofahren: zu Beginn lernt man in langsamer Fahrt die Bedienung des Fahrzeuges, ein sehr bewusster und anfänglich oft mühsamer Vorgang. Mit steigender Kilometerzahl an Erfahrung automatisiert man die Bedienung, entwickelt einen eigenen Stil und reagiert ohne nach zu denken auf äußere Begebenheiten. Da sind automatisierte Verhaltensmuster am Werk. Mit steigendem Fahrtempo hätte man auch gar keine Zeit zum bewussten Nachdenken über die richtige Reaktion auf das was da gerade passiert. Nach Jahren der Praxis weiß man auf häufig gefahren Strecken gar nicht, was auf dieser Strecke alles zu sehen war und wie man heute im Detail ans Ziel gekommen ist. Psychologisch gesehen ist so ein automatisiertes Abwickeln von Mustern eine Trance.

Eine gute Möglichkeit, die Mechanismen menschlichen Verhaltens mit all der innewohnenden Komplexität, zu erkennen, ist es, sich an den tatsächlichen Auswirkungen des Verhaltens – den Phänomenen im Außen – zu orientieren.

Beispiel: Wenn ich der Meinung bin, dass Herr Karl mit Geld nicht gut umgehen kann, gleichzeitig hat er aber immer irgendwie Geld und Besitz, dann greift meine kausale Logik nicht. Phänomenologisch gesehen, mit der Neugierde eines Kindes betrachtet, kann man da nur sagen: “Schau an, obwohl er das Geld mit beiden Händen rauswirft, hat er immer welches. Wie macht er das?” Glück? Das kann einmal so sein, aber ständig? Möglicherweise macht Herr Karl irgendwas richtig, nur mir erschließt sich das mit meiner Kausalitätslogik nicht.

Das Beobachten und Anerkennen von phänomenologischer Realität ist immer stärker als Kausalitätskonstruktionen.

Von Entscheidungsträgern wünsche ich mir, mehr anzuerkennen, was uns die tatsächlichen Phänomene an Wirklichkeit präsentieren und diese Phänomene in weiterer Folge zu nutzen. Dazu ist es notwendig, sich ein Stück weit von den eigenen Kausalitätskonstruktionen zu lösen und das, was ist, egal wie es dazu kam, wertfrei zu beobachten.

Das Loslassen eigener Konstruktionen ist keine leichte Aufgabe, besonders dann, wenn gleichzeitig Leistungsdruck auf den eigenen Schultern lastet. Aber es ist der Schlüssel, um mit Komplexität erfolgreich um zu gehen.

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