Da Helfersyndrom – wenn der Helfende es braucht, gebraucht zu werden
Der Begriff des Helfer-Syndroms wird eng mit dem Psychologen und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer verbunden, der diesen in seinem Werk „Die hilflosen Helfer“ (Erstauflage 1977) popularisiert und wissenschaftlich untermauert hat.
Schmidbauer schildert darin eindrücklich, wie Personen in helfenden Rollen – seien es Sozialarbeiterinnen, Therapeutinnen, Pädagog*innen, Eltern oder auch Führungskräfte – Gefahr laufen, das eigentliche Motiv des Helfens zu verfälschen. In den Mittelpunkt rückt nicht mehr das Wohl der oder des Hilfebedürftigen, sondern die Selbsterhöhung oder – drastischer formuliert – die Selbstrettung der Helfenden. Dieses kritische Phänomen, bei dem das „Gebraucht-Werden-Wollen“ und das Bedürfnis nach Wirksamkeit über den tatsächlichen Hilfebedarf gestellt wird, wirft grundsätzliche Fragen zur professionellen Rolle in sozialen und erzieherischen Berufen sowie zum Führungsverständnis im Management auf.
- Psychologische Grundlagen
1.1 Schmidbauers Konzept des Helfer-Syndroms
Wolfgang Schmidbauer prägte den Begriff Helfer-Syndrom zunächst, um ein Paradox in der Psychotherapie und sozialen Arbeit zu verdeutlichen: Obwohl Menschen in helfenden Berufen per definitionem altruistische Ziele verfolgen, sind sie nicht selten von der Motivation getrieben, durch ihr Helfen Anerkennung zu erfahren oder das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Schmidbauer betont, dass diese Dynamik schnell kippen kann, wenn der oder die Helfende nicht in der Lage ist, die eigenen Grenzen sowie die des Gegenübers zu erkennen und zu respektieren.
Anhand klinischer Beispiele schildert Schmidbauer, wie Helfende sich – oftmals unbewusst – in eine Retter-Rolle begeben und dadurch die Hilfesuchenden in einer abhängigen, passiven Opferrolle belassen. Das zentrale Motiv der Helfenden ist in diesem Szenario nicht das empathische Eingehen auf die Bedürfnisse der Betroffenen, sondern vielmehr das eigene Bedürfnis, gebraucht zu werden. Damit geht eine Verschiebung von Altruismus hin zu einer eher egoistisch gefärbten Motivation einher. C.G. Jung spricht in diesem Zusammenhang vom Heldenkomplex.
1.2 Die Dynamik zwischen Helfendem und Hilfebedürftigem
Schmidbauers Theorie lässt sich in die Tradition der Karpman Drama Triangle einordnen, in der die Rollen Retter, Opfer und Verfolger beschrieben werden. Das Helfer-Syndrom fixiert die Helfenden auf die Retterposition. Sobald sie diese Rolle dauerhaft besetzen, leidet die Selbstwirksamkeit der Person, die Hilfe empfängt. Gleichzeitig steigern sich die Helfenden in das Gefühl der Unverzichtbarkeit. Schmidbauer spricht von „hilflosen Helfern“, weil sie letztlich selbst nicht mehr aus dieser Abhängigkeit und Selbstinszenierung herausfinden, ohne sich ihrer ursprünglichen Motivationen und Grenzen bewusst zu werden.
1.3 Ursachen und Entstehungsbedingungen
Ähnlich wie andere Psychologinnen und Psychoanalytikerinnen betont Schmidbauer, dass familiäre Prägungen, Kindheitserlebnisse und ein instabiler Selbstwert in der Entstehung eines Helfer-Syndroms eine Schlüsselrolle spielen können. Wer in frühester Kindheit Anerkennung allein durch Fürsorge und Aufopferung erfahren hat, wird möglicherweise später im Berufsleben ein übersteigertes Bedürfnis entwickeln, sich für andere aufzureiben. Hinzu kommen gesellschaftliche Normen, die helfendes Verhalten ideologisch aufladen: Soziale Berufe und Führungstätigkeiten werden häufig als besonders wertvoll etikettiert, was den Hang zur Selbstbestätigung begünstigt.
- Formen und Risiken des Helfer-Syndroms
2.1 Egoistisches Helfen und Überhelfen
Eine zentrale Gefahr des Helfer-Syndroms besteht darin, dass die Betroffenen nicht mehr im Blick haben, was die Hilfesuchenden tatsächlich benötigen. Egoistisches Helfen oder Überhelfen zeigt sich dann, wenn die Helfenden:
- Ungefragte Hilfe aufdrängen und die Bedürfnisse des Gegenübers übergehen.
- Nicht loslassen können, weil sie ihre Helferidentität gefährdet sehen.
- Strukturell Abhängigkeiten verstärken, indem sie Lösungen allein vorgeben, statt gemeinsam zu erarbeiten.
Auf diese Weise droht ein doppelter Schaden: Die Bedürftigen erhalten keine echte Unterstützung, da ihre Selbstständigkeit nicht wächst, und die Helfenden selbst stehen unter Dauerspannung, weil sie ihre Selbstbestätigung jederzeit gefährdet sehen.
2.2 Burnout und Rollenkonflikte
Wolfgang Schmidbauer verweist darauf, dass Menschen mit ausgeprägtem Helfer-Syndrom dazu neigen, sich permanent zu überlasten. Das ständige Gefühl, unverzichtbar zu sein, führt zu Dauerstress – einer der Hauptfaktoren für Burnout. Daneben entsteht oft ein Rollenkonflikt: Einerseits wollen die Helfenden professionelle Distanz wahren, andererseits sehnen sie sich nach persönlicher Bestätigung. Dieser Konflikt geht häufig mit Schuldgefühlen einher, sobald sie Grenzen setzen oder sich eine Auszeit nehmen möchten.
2.3 Auswirkungen auf Beziehungen
Zwischenmenschlich kann das Helfer-Syndrom zu einer massiven Störung der Beziehung führen: Wenn Hilfe in erster Linie dem Geltungsbedürfnis der Helfenden dient, fühlen sich die Empfänger*innen entmündigt oder ungleich behandelt. Durch die ungünstige Rollenfixierung kommt es zu Spannungen, weil die natürliche Dynamik zwischen Unterstützung und Eigenständigkeit verkehrt wird. Statt eine Partnerschaft auf Augenhöhe aufzubauen, etabliert sich eine Art Machtgefälle zwischen den “allmächtigen” Helfenden und den vermeintlich “ohnmächtigen” Hilfesuchenden.
- Relevanz in verschiedenen Kontexten
3.1 Sozialberufe
In Sozialberufen (Pflege, Sozialarbeit, Therapie) kann das Helfer-Syndrom laut Schmidbauer verheerende Folgen haben: Nicht nur werden Klient*innen in ihrer Selbstbestimmtheit eingeschränkt, sondern Fachkräfte geraten in einen Teufelskreis aus Selbstüberforderung und fehlender professioneller Distanz. Schmidbauer kritisiert den Mangel an systematischer Selbstreflexion und Supervision, der in vielen Einrichtungen zu beobachten sei. Gerade dort, wo „helfen“ als höchste Tugend gilt, wird oft versäumt, die Motive und Grenzen professioneller Hilfe zu hinterfragen.
3.2 Erziehung und Pädagogik
Auch im Kontext von Erziehung ist das Helfer-Syndrom zentral. Eltern oder Pädagog*innen, die stets bereitstehen und alle Probleme der Kinder eigenhändig lösen, unterminieren deren Fähigkeit zur Selbstbewältigung und -organisation. Schmidbauer warnte in seinen Publikationen davor, dass diese scheinbar fürsorgliche Haltung langfristig eher zu Passivität, Abhängigkeit und Frustration führe. Er betont, dass wirkliche Hilfe darin bestehen sollte, Kindern und Jugendlichen Freiräume zur eigenen Entwicklung zu eröffnen und eine tolerante Haltung gegenüber ihren Fehlern einzunehmen.
3.3 Management und Führung
Wolfgang Schmidbauers Analysen lassen sich auch auf das moderne Organisations- und Führungsverständnis übertragen. Führungskräfte mit Helfer-Syndrom neigen dazu, sich in allen Problemen der Mitarbeitenden aufzureiben und es an klaren Strukturen und Verantwortlichkeiten fehlen zu lassen. Dies führt zu einer Schein-Harmonie im Team, in der Konflikte zwar oberflächlich „weggelächelt“, aber nie konstruktiv gelöst werden. Das Bedürfnis der Führungskraft, Retter zu sein, hemmt die eigene Weiterentwicklung der Teammitglieder und schwächt deren Innovationskraft. Langfristig entstehen Abhängigkeiten und eine fehlende Übernahme von Verantwortung, was die organisationalen Ziele gefährdet.
- Kritische Reflexion und Prävention nach Schmidbauer
4.1 Selbstreflexion und professioneller Austausch
Schmidbauer plädiert ausdrücklich dafür, dass Helfende – ob in sozialen Berufen, in pädagogischen oder in leitenden Positionen – ihre eigenen Motive und Grenzen immer wieder kritisch hinterfragen. Eine strukturelle Möglichkeit hierzu ist die Supervision, bei der eine außenstehende Person dabei unterstützt, das eigene Verhalten, die Handlungslogik und die Beziehungen zu Klientinnen, Schülerinnen oder Mitarbeitenden zu reflektieren. Auch kollegiale Beratung und Coaching sind zentrale Instrumente, um blinde Flecken aufzudecken.
4.2 Rollenklarheit und Abgrenzung
In Schmidbauers Verständnis bedeutet professionelle Nähe auch, dass man in der Rolle als Helfer*in eine Balance zwischen partizipativer Unterstützung und gesunder Distanz bewahrt. Die Fähigkeit zur Abgrenzung gegenüber den Bedürfnissen anderer ist kein Zeichen von Kälte, sondern vielmehr eine Grundvoraussetzung dafür, echte Hilfe leisten zu können. Eine klare Rollenbeschreibung und ein realistisches Selbstbild helfen, die Versuchung zur Selbstüberforderung zu mindern.
4.3 Empowerment statt Abhängigkeit
Schmidbauer betont, dass echtes Helfen auf Empowerment beruht, d. h. auf der Stärkung der Selbstkompetenzen der Betroffenen. Das Ziel ist, Menschen dazu zu befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen – oder zumindest aktiv an der Lösungsfindung mitzuwirken. In der Erziehung kann dies bedeuten, Kinder gezielt an Herausforderungen heranzuführen, statt ihnen jedes Hindernis zu beseitigen. In der Führung bedeutet dies, Mitarbeitenden Verantwortung zu übertragen, sie zu coachen und Feedback-Prozesse zu etablieren, die ihre Weiterentwicklung fördern.
4.4 Unternehmenskultur und institutionelle Strukturen
Damit Individuen ihr Helfer-Syndrom nicht unbewusst ausleben müssen, kommt auch den institutionellen Rahmenbedingungen eine Schlüsselrolle zu. Schmidbauer betonte wiederholt, dass Organisationen Fehler- und Feedbackkulturen benötigen, um egoistisches Überhelfen einzuhegen. Wo ein offener Austausch gefördert wird, kann frühzeitig erkannt werden, wenn eine Person nicht aus authentischer Fürsorglichkeit, sondern aus einem inneren Zwang heraus agiert.
- Fazit
Die Ausführungen Wolfgang Schmidbauers zum Helfer-Syndrom haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Ob in Sozialberufen, der Erziehung oder dem Management: Überall dort, wo Hilfe und Unterstützung zentral sind, besteht die Gefahr, dass das „Helfen“ zum Selbstzweck wird – mit negativen Folgen für beide Seiten. Schmidbauers Werk „Die hilflosen Helfer“ illustriert, dass die Grenzen zwischen altruistischer Motivation und egoistischem Geltungsbedürfnis fließend sein können. Dabei ist es essenziell, sich über die eigenen Beweggründe im Klaren zu sein und regelmäßig eine kritische Selbstbefragung einzuleiten.
Um dem Helfer-Syndrom konstruktiv zu begegnen, bedarf es einer professionellen Rollengestaltung, einer bewussten Abgrenzung und einer Kultur des nachhaltigen Empowerments. Gerade hier zeigt sich, wie relevant Schmidbauers Fundamentalkritik an unreflektierten Helferrollen weiterhin ist: Nur wenn Hilfesuchende als autonome Akteurinnen begriffen werden, kann echte Entwicklung und Problemlösung stattfinden – und nur dann werden Helfende nicht zu „hilflosen Helfern“, sondern zu wertvollen Begleiterinnen auf Augenhöhe.